Echt? Voll Krass!

Ein persönliches Streiflicht: Eine Küche voller Leben und Worte. Es geht um die Sprachcodierung in verschiedenen Peer-Groups und darum, dass die Verwendung des Wortes „dissen“ peinlich ist und betretenes Schweigen erzeugt.

Wir sitzen in der Küche am runden Tisch und reden über Vor- und Nachteile von Online-Seminaren. Wir sind 21, 25, 38, 53 und 56 Jahre alt.  Jeder von uns ist betroffen, nur eben anders. Zwei als Studenten, drei als Dozenten.  Auch wenn die Perspektiven konträr sind, in einem sind wir einig, dass jede Frage, die im virtuellen Raum ohne Antwort bleibt, eine unangenehme Leere erzeugt. Im virtuellen Raum existiert keine Atmosphäre und so wird beidseitiges Schweigen zu einem schwer erträglichen Nichts, das der Dozent irgendwann wieder lebendig reden muss. In einem echten Raum, so wie in diesem Moment, entsteht allerhöchstens eine spürbare Stille, die uns Zeit zum Nachdenken, Nachspüren und Reagieren gibt. Wir sind vierdimensional miteinander unterwegs.

Bis hierhin ist es ein spannendes Gespräch. Alles super, gut formulierte Sätze, ein Schlagabtausch wohl überlegter Gedanken, der mich inspiriert. Ich freue mich über diesen unbefangenen Meinungaustausch am frühen Morgen in unserer Küche. Und dann mein Fauxpas. Ich kürze die Beschreibung eines unflätigen, weil respektlosen Verhaltens eines Studenten gegenüber einem anderen ab, in dem ich das Wort „dissen“ benutze.  Betretenes Schweigen ist die Antwort und die Jugend am Tisch sucht nach vorsichtigen Worten, um mir klar zu machen, dass heute kein Mensch mehr „dissen“ sagt, dass das peinlich und schlichtweg falsch ist. Meine Verständnislosigkeit macht das Ganze noch schlimmer. Mitleidig schauen mich 21- und 25-jährige Augen an und schon sind wir mittendrin in einem ganz anderen Thema.

Gibt es einen Sprachcode, der unsere Gesellschaft ganz selbstverständlich und von allen akzeptiert in jung und alt spaltet? Wo kommen die neuen Wörter her, die mit einem Mal jeder versteht, obwohl sie niemand benutzt. Ich verteidige das Wort, behaupte es hätte es in die soziale Hierarchie meiner Altersgruppe geschafft. Warum das so ist, weiß ich allerdings auch nicht. Seine Herkunft, die Rapper- und Hip Hop-Sprache hat mit meiner Peer-Group nichts zu tun. Das stimmt. Ich rette mich mit einem Zitat von Paul Valéry „Das Beste am Neuen in der Kunst entspricht stets einem alten Bedürfnis.“ Ok, es ist ein bisschen weit hergeholt. Doch das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Sprache, nach Worten, die über alle Unterschiedlichkeit hinweg das Bild einer gemeinsamen Wirklichkeit erzeugt, ist ein uraltes Bedürfnis. Ich fange an, mich zu erklären und das stört mich. Dabei scheint es offensichtlicher, als ich es zugeben möchte: Einen allgemeingültigen Sprachcode der Jugendsprache gibt es genauso wenig, wie es einen allgemeingültigen Sprachcode der einzelnen Generationen gibt.

Nehmen wir das Beispiel der Moderne. Modern ist ein Attribut das Zeitgrenzen überwindet und deswegen wollen wir alle gerne modern sein. Diese Moderne entspringt der Sehnsucht in der Jetzt-Zeit zu leben, in allem Neuen angekommen zu sein. Doch kein Wort ist so rapide gealtert wie modern. Modern war der Leitbegriff vor „cool“, „hipp“, „trendy“ und „angesagt“. Die Schnelllebigkeit von Dingen, die auf den In-Listen ganz oben stehen, haben ein neues Wort in den Vordergrund gerückt: Echt? Bevor wir etwas „voll krass“ finden, fragen wir erst nach, ob es auch wirklich echt ist. Und hier trennt sich inhaltlich, was relevant „echt“ ist für die jeweiligen sozialen Gruppen. In jeder Gruppe kann eine eigene Sprachcodierung entstehen, übernommen von Vorbildern dieser Gruppen z. B. aus der Musik-, der Influencer- oder der politischen Szene. Jetzt wird es schwierig. Wie sollen wir also in verschiedenen sozialen Kontexten so sprechen, dass es angemessen, verständlich und zeitgemäß ist? Ganz einfach: Mit dem größten Vertrauen in unseren ganz persönlichen Sprach- und Wortschatz.

Es gibt eine Sprache der Wissenschaft, eine Sprache der Literatur und eine Sprache des Verstehens. Die Vielfalt des Verstehens und bildhaften Begreifens öffnet uns einen gemeinsamen Sprachraum. Und in diesen können wir immer wieder zurückkehren und einladen. Erst, wenn wir das Gefühl haben, unsere Gedanken nicht richtig vermitteln zu können, besteht Handlungsbedarf in Richtung Kommunikationstraining. Aber das ist ein anderes Thema. Am Ende einigen wir uns darauf, dass es Jugendwörter gibt, die aus dem Mund der falschen Generation einfach peinlich klingen. Ich werde nie wieder das Wort „dissen“ benutzen.

Aus zwei Disziplinen entsteht ein Kommunikationstraining für Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen. Eine optimale Body Work Balance verringert Fehlzeiten, fördert die Motivation und verwandelt Potenziale in eine ausgezeichnete Leadership Performance.

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Ulrike Feierabend
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